Sonntag, 22. Februar 2015

Tagebücher des Victor Klemperer 1935-1936

"Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"

Die Nazis gewinnen bedrohlich viel Macht, die Judengesetzte und öffentliche Diskriminierung von Nichtariern wird immer stärker; besonders als im Sommer 1936 die Olympischen Spiele in Berlin zu Ende gehen, und das internationale Interesse abflacht. Der Freundeskreis der Klemperers verkleinert sich, einige Bekannte emigrieren ins Ausland, andere sind ihnen mit ihren politischen Gesinnungen fremd geworden. Die Entlassung Klemperers aus seinem Dienst an der Universität und die schwindende Hoffnung auf Publikationsmöglichkeiten seiner Bücher lassen die Angst vor der Zukunft und die finanzielle Not stetig wachsen. Trotzdem gedeiht ihr kleines Haus und der Garten weiter, es bleibt ein Symbol der Hoffnung auf eine Zukunft, und auch ein Auto soll ihnen ein wenig Unabhängigkeit und Freude wiedergeben; allerdings kommen immer mehr Probleme auf sie zu...


"Der eine Hörer im Französischen, die zwei Hörerinnen im Italienischen, die entsetzliche Geldnot und Unsicherheit, die steten Herzbeschwerden (...) die ewigen rheumatischen und Augenbeschwerden, das Kriechen meines 18. Jahrhunderts - jetzt bei Lesage - nichts ändert sich." (17.04.35)

In der Universität bleiben die Studenten fast gänzlich weg, kurze Zeit später wird er entlassen. Ohne sein volles Gehalt als Professor weiß er nicht über die Runden zu kommen. Die Verzweiflung ist allgegenwärtig, schwere gesundheitliche Probleme und das schleppende Vorankommen beim Schreiben, dazu die immer brutaler und verlogener herrschenden Nationalsozialisten setzten ihm und Eva zu.

"Ich arbeite langsam am 18.Jahrhundert, lese vor, lebe wie sonst, aber anfallweise, morgens vor allem, bei ausbleibender Post, packt mich die grässliche Angst. was wird? Wie sollen wir leben, dies Haus festhalten? Wie soll ich bei Evas Zustand Ersparnisse machen? Eva pflanzt, gärtnert, ich kaufe neue Gewächse, die Katzen brauchen jeden Tag ein halben Pfund Kalbfleisch, Preis 120 - 140, Schulden bei Prätorius, meine Hemden, Strümpfe, Stiefel, mein Anzug, zu Ende - es ist wahrhaftig die nackte Misere, wenn mein jetzt schon knappes Einkommen halbiert wird." (15.05.35)

Klemperer steht am Rande des Abgrunds aber baut weiter an seinem Eigenheim, als gebe es kein Morgen. Er kann und will sich und Eva nicht auch noch den letzten Lebensmut nehmen, und investiert sein Geld in den Hausbau, das er eigentlich für Schuldentilgung und sie Sicherung seiner Existenz ausgeben sollte. Die Angst um sein Gehalt nach der Pensionierung  lassen ihn jeden Tag zitternd zum Briefkasten gehen. Ringsherum blüht ihr neuer Garten auf.

"Schön gesagt. Aber wie soll ich auf Geratewohl hinaus? Und womit soll ich draußen "ein wenig verdienen"? Er kennt meine Lage nicht." (30.05.35)

Viele Freunde der Klemperers emigrieren ins Ausland, fliehen vor dem Naziterror in ein besseres Leben. Oft hören sie von Erfolgsgeschichten, von Neuanfängen, nur sie selbst sind an Deutschland gefesselt, und vereinsamen zunehmend. Klemperer sieht keine Chance in einer Zukunft im Ausland, Geisteswissenschaftler werden auch dort nicht mehr gebraucht. In Deutschland ist das eigenständige Denken längst nicht mehr erwünscht.

"Der Vertrag mit Prätorius zum Ausbau der beiden Veranden ist auf 1300 M abgeschlossen - alles, als wenn wir in gesicherter Lage wären. Manchmal ist mir dabei so furchtbar ums Herz, manchmal bin ich ganz ruhig, So ist wenigstens Eva annähernd zufrieden, und verkehrt könnt' ich's auf diese und auf jene Weise machen." (30.06.35)

Es ist ein Wechselbad der Gefühle - tagesformabhängig. Es gibt Tage, an denen es Eva und Victor gesundheitlich besser geht, und sie unbeschwerte Abende mit Freunden verbringen können; Aber die Tage, an denen sie Sorge und Krankheit zu erdrücken scheinen überwiegen. Finanziell handeln sie, als gebe es den nächsten Monat nicht, aber in diesen Tagen sind sie sich einer Zukunft tatsächlich nicht sicher.

"Ich muss mich an das Buch klammern, denn die Sorgen wachsen so, dass ich schon gar nicht mehr an sie denken darf und kann; es ist wie im Unterstand: Denkt man immerfort an den nächsten Einschlag, so wird man verrückt. " (21.07.35)

Klemperer konzentriert sich voll und ganz auf die Fertigstellung seines Buches über das 18.Jahrhundert, obwohl er weiß dass eine Publikation ins Deutschland so gut wie unmöglich ist. Trotzdem versucht er seine Probleme auszublenden, sich dem Schreiben hinzugeben.

"Wohin gehöre ich? Zum "jüdischen Volk", dekretiert Hitler. Und ich empfinde das von Isakowitz anerkannte jüdische Volk als Komödie und bin nichts als Deutscher und Europäer." (05.10.35)

Innere Zerrissenheit: Klemperer fühlt sich seinen jüdischen Leidensgenossen nicht zugehörig, wird ihnen aber von den Nationalsozialisten gemäß des Rassengesetzes zugeordnet. Mit den Freunden und deren politischen Gesinnungen gerät er zunehmend aneinander, vereinsamt regelrecht. Der Freundeskreis schrumpft bedrohlich, Eva und Victor bleiben allein zurück.


"Mein Buch frisst mich auf und hält mich am Leben und im Gleichgewicht. Segen der Schreibmaschine. (...) ich habe nun doch wieder nach monatelanger Pause eine Zeitung abonniert. Mir wird beim Lesen jedes Mal übel, aber die Spannung ist jetzt zu groß, man muss wenigstens wissen was gelogen wird." (05.10.1935)

Die Judenhetze wird immer radikaler, brutaler und ist omnipräsent. Überall sind Juden Anfeindungen ausgesetzt, in der Presse und im Ausland stellt sich Deutschland als friedvolles Geberland dar.



"Könnte ich nicht durch die Maschine mir gewissermaßen den Druck ersetzen, das völlige Loslösen und Objektivieren, dazu mir die Hoffnung geben, dass dieser ganz fertige und lesbare Text auch ohne mich und nach mir publiziert werden kann -  ich glaube, so ertrüge ich diese Zeit nicht, brächte jedenfalls nicht die Konzentration zum schreiben auf. In der Meinung über den Wert und die Originalität meiner Arbeit schwanke ich täglich mehrmals zwischen völligem Bejahen und völligem Verneinen. Die Herzbeschwerden werden immer intensiver, kein Tag an dem ich den Tod nicht vor Augen habe."


Klemperer investiert seine Energie und Kraft in die Fertigstellung seines Buches, obwohl er immernoch keine Hoffnung auf Veröffentlichung sieht - weder in Deutschland noch im Ausland. Oft zweifelt er an der Qualität seiner Erzeugnisse, zweifelt an der Sinnhaftigkeit seines Wirkens. Trotzdem schreibt er weiter, will seine Wissenschaft nicht einfach aufgeben - auch nicht in diesen aussichtslosen Zeiten.

"Wir sind in tragikomisch hohem Grad von unseren Katzen abhängig. Sooft Nickelchen leidend ist, verfällt Eva geradezu in Depressionen. Der Tierarzt hat für eine Weile geholfen; jetzt geht es dem Tier und Eva wieder schlecht." (19.11.1935)

Evas gesundheitliche Probleme setzten Klemperer zu, ihr geht es zunehmend schlechter. Nur das Gärtnern und die Tiere helfen ihr, die schwere Situation für eine Weile zu vergessen. Als die Katze jedoch letztendlich stirbt, droht Eva ihren Lebensmut ganz zu verlieren.


"Nie ist die Spannung zwischen menschlicher Macht und Ohnmacht, menschlichem Wissen und menschlicher Dummheit so überwältigend groß gewesen wie jetzt Radio, Führer - und der Stürmer und Reichskanzler, die Rassengesetze, der "Stürmer" usw." (02.12.1935)

Da Jahr 1935 geht zu Ende -  was hat es gebracht? Nach seiner Entlassung im Mai quälten Klemperer die Sorgen um sein Pensionierungsgehalt. Auf die Ernüchterung der Anwendung des "Überflüssigkeitsparagraphen", der ihm nur die Hälfte seines früheren Einkommens zugesteht, folgten mehrere finanzielle Engpässe. Der Hausanbau und das Auto forderten immer wieder ungeahnte Summen. Aber der Garten und die Fahrten lenkten besonders Eva von der Verzweiflung des Alltages und der der Ausweglosigkeit des Lebens ab. Aber auch der Führerschein und das Fahren haben ihm schwer zugesetzt und an seinen Nerven gezehrt.
Sein Buch ist fertig geschrieben - ohne Hoffnung auf Interesse von Verlagen. Immer mehr Freunde und Bekannte setzten sich ins Ausland ab, Klemperers aber bleiben in Deutschland - längst fühlen sie sich nicht mehr zu Hause, Judenhass und Hetzparolen bedrängen die Juden immer mehr, auch er verzweifelt an der Wendung, die das neue Deutschland nimmt. Trotzdem planen die Klemperers eine Investition in die Zukunft: Ein eigenes Auto und ein Führerschein soll ihnen ein Stück Welt und Hoffnung zurückgeben...

"Das Auto frisst mich auf, Herz, Nerven, Zeit, Geld. es ist nicht sosehr mein kümmerliches Fahren und die gelegentliche Aufregung dabei, nicht einmal die Mühe der Ein- und Ausfahrt, aber der Wagen ist nie in Ordnung, etwas versagt immer(...)"

Das Auto bereitet Klemperers nur Probleme und Sorgen. Er ist sich im Fahren sehr unsicher, immer wieder rammt er das Gartentor, oder vermeidet nur knapp einen Unfall. Auch ist der "Bock" ständig kaputt, die Reparaturen kann er sich finanziell eigentlich nicht leisten. Aber trotz allem ermöglicht der Wagen ihm und Eva immer wieder einen Ausbruch aus dem trostlosen Alltag, ein paar schöne Stunden ohne die Sorge um die eigene Existenz. Auf der einen Seite erdrücken ihn Geldnot und Angst, auf der anderen ist der Freiraum, der das Auto bietet für ihn unbezahlbar, 

 Vielleicht tritt doch irgendeine Wendung ein; und wenn nicht, dann gehen wir eben zu Grunde. Wir sind beide 54 und haben ein ganz inhaltsreiches Leben gehabt - ob es ein bisschen früher oder später endet, ist schließlich einerlei, wie viele Menschen kommen schon über die Fünfzig. Und Lächerlichkeit oder Schande? das sind doch Begriffe vergangener Zeit. Wir waren angesehene Leute. Was sind wir jetzt? Und was werden wir in zwei Monaten sein (...)? (16.07.1936)

Was die Zukunft des Dritten Reiches betrifft, so gehen die Meinungen der Freunde und Bekannten der Klemperers auseinander. Viele emigrieren, weil sie nicht an ein absehbares Ende des Hitler-Regimes festhalten. Aber der Glaube an eine positive Wendung und einen Putsch gegen Hitler lassen die Menschen bleiben. Doch der weit verbreitete Glaube, nach Hitler komme der noch üblere Kommunismus, lässt viele am Hitler-Regime festhalten.

"Wir sind eigentlich völlig proletarisiert, wesentlich proletarisierter als Gust - aber wir fühlen uns nicht als Proletarier und bewahren uns die Freiheit des Denkens." (18.07.1936)


Der Tagesablauf der Klemperers ist eintönig und gleich, Krankheit und Ermüdung quält beide. Dazu die finanziellen Sorgen, oftmals weiß Klemperer nicht einmal, wie er die nächste Arztrechnung zahlen soll. Sein Tagebuch ist sein Ausweg aus der Einengung. Er kann seine Gedanken frei aufschreiben, in diesen Tagen kann er niemandem mehr richtig vertrauen. Es ist ein großer Gegensatz zu seinem alten Leben als wohlhabender und geschätzter Professor, der ein sorgloses Leben führen konnte.


"Judengesetze":
15.09.35 Nürnberger Gesetze: Verbot von Mischehen; Verbot von Anstellung jüdischer Hausangestellten unter 45 Jahren
30.09.35: Beurlaubung jüdischer Beamten
07.03.36: Kein Reichstagswahlrecht

Hier geht es zur Vorstellung des Tagebuchs von 1940 - 1941
Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher von 1937 - 1939
Hier geht es zur Vorstellung der Tagebücher von 1933 - 1934


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